Syros

Doppelhochzeit auf Syros
Geschichten von der Insel mit den zwei Kathedralen
von Jörg Röttger und Susanne Bausinger

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Für die meisten der Touristen auf der Fähre ist die Insel nur eine unbedeutende Haltestelle auf dem Weg ins Ferienparadies Mykonos; doch wenn das Schiff an der kahlen Felsenküste vorbei den Hafen von Syros ansteuert, kann sich kaum einer dem Schauspiel entziehen, das sich nun bietet: Eine Kathedrale thront auf dem Berggipfel über der nun größer und größer werdenden Stadt – dann erscheint, auf einem weiteren Gipfel, eine zweite, und schließlich schieben sie sich in majestätischer Gelassenheit aneinander vorbei wie zwei stolze Bühnenprotagonisten, denen der Regisseur einen Platzwechsel verordnet, bis man sie schließlich vor der Kulisse der Stadt ruhig betrachten und den Hintergründen der merkwürdigen Doppelerscheinung im Reiseführer auf den Grund gehen kann: Rechts, das ist die orthodoxe Metropolis, eine Kreuzkirche im neubyzantinischen Stil,  und links die St. Georgs-Kirche aus dem 16. Jahrhundert - Sitz des katholischen Bischofs. Eine katholische Gemeinde im durch und durch orthodoxen Griechenland, mitten in der Ägäis? Syros hält Überraschungen bereit...

Unter venezianischer Herrschaft (ab 1204) war das fast menschenleere Eiland von Katholiken besiedelt worden, Bauern, die ihr Land bestellten und ihren Wein ernteten wie überall. Jahrhundertelang lebten sie auf ihrem Burgberg in abgeschlossener, fast autarker Gemeinschaft – bis der Aufstand der Griechen gegen die osmanische Herrschaft nach 1822 Tausende von Flüchtlingen von der Dodekanes auf die von Frankreich beschützte Insel spülte.

Die Neuankömmlinge waren griechisch-orthodoxen Glaubens – doch vor allem waren sie tüchtige Geschäftsleute und Vorkämpfer des industriellen Fortschritts. Sie machten Syros in wenigen Jahren zum wichtigsten Handelsumschlagsplatz im östlichen Mittelmeer und gründeten die ersten Fabriken Griechenlands; und von den Hofarchitekten des Bayernkönigs Otto ließen sie sich unten am Hafen eine neue Stadt bauen: Ermoupolis, die Stadt des Hermes, mit großzügig angelegten Plätzen, mit klassizistischen Palais und Geschäftshäusern, mit einem der Mailänder Scala nachempfundenen Schauspielhaus – eine kosmopolitische Grandezza, die im griechischen Raum bis heute einzigartig geblieben ist.

Selbst der orthodoxe Friedhof legt mit seinen imposanten Grabmälern – einer Sammlung bildhauerischer Meisterwerke – Zeugnis vom Glanz und Reichtum des neuen Syros ab. Gleich daneben beerdigten die „Ureinwohner“ weiterhin ihre Toten auf dem schlichten katholischen Friedhof. Dies war einer der wenigen Anlässe, die sie von ihrem Burgberg, von „Obersyros“, wie er jetzt hieß, herabsteigen ließ, sonst hatten sie mit den Zuzüglern wenig zu tun, von denen sie abschätzig „Bedouini“ genannt und in ihrer eigenen Heimat wie Fremdlinge behandelt wurden. Mehr noch: in Zeiten realer oder eingebildeter nationaler Gefahr erschienen alteingesessene katholische Syrioten wie Feinde, wie Exponenten ausländischer Mächte...

„Nicht mehr bei uns auf Syros!“ meint Bischof Frankiskos. Er war dabei, als Johannes Paul II. im Mai 2001 als erster Papst in der Geschichte griechischen Boden betrat. Sein Besuch in dem Land, wo die Kirchenspaltung mit am schmerzlichsten erfahren wurde, und insbesondere seine Bitte um Vergebung für die von Katholiken an Mitchristen begangenen Sünden wurden als großer Schritt in Blick auf eine Annäherung und Wiederversöhnung von Orthodoxie und katholischer Kirche gewertet. Auf Syros jedoch habe man, ganz unspektakulär, diese Annäherung im kleinen schon erreicht, sagt Bischof Franziskos: auf der Ebene der Geistlichen – und erst recht zwischen den Gemeinden.

Frankiskos selbst hat nicht wenig dazu beigetragen, daß die beiden „Ethnien“ ihr feindseliges Nebeneinander aufgaben und zu einem lebendigen alltäglichen Miteinander fanden, auf das die Syrioten stolz sind. Die allermenschlichste Weise des Kennenlernens hat dabei wohl katalysatorisch gewirkt; was vor dem Zweiten Weltkrieg noch ein Skandal gewesen wäre, ist heute ganz normal: 50% aller Ehen werden „gemischt“ geschlossen. - Daß die Brautleute dabei samt Verwandtschaft von der einen gleich noch in die andere Kirche ziehen müssen, weil die orthodoxe Kirche eine katholische Eheschließung nicht anerkennt, erscheint dabei wie ein kurioser lokaler Brauch...

Erstausstrahlung der 30 Minuten-Fassung am 15.6.2003 in ARD
Wiederholungen am
20.8.2003  in ARD Extra Digital
1.08.2003  in Phoenix
22.2.2004  in Phoenix
30.05.2004 in Phoenix
22.06.04   im Südwest FS

Erstausstrahlung der 45 Minuten-Fassung am 22.7.2003 im
Bayrischen Fernsehen
Wiederholungen am   
17.8.2003  im Bayrischen Fernsehen
7.02.2004  in 3Sat
13.08.04   Im BR (Griechische Nacht)

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